{"id":106,"date":"2019-02-22T11:49:45","date_gmt":"2019-02-22T10:49:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/?p=106"},"modified":"2020-05-05T13:19:14","modified_gmt":"2020-05-05T11:19:14","slug":"ausgelesen-am-20-februar-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/?p=106","title":{"rendered":"Ausgelesen am 20. Februar 2019"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Stephan Thome: Gott der Barbaren &#8211; Roman, Suhrkamp, 2018.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein historischer &#8222;Abenteuerroman&#8220; im China zur Mitte des 19. Jahrhunderts und nominiert f\u00fcr den deutschen Buchpreis: Das ist genau mein Ding, dachte ich.  Um es vorweg zu nehmen, meine Erwartungen wurden nicht entt\u00e4uscht, aber eben auch nicht erf\u00fcllt. Es ist ein merkw\u00fcrdiges Buch, vermutlich weil es historischer Roman, philosophisches Gleichnis und poetisches Gem\u00e4lde zugleich sein m\u00f6chte. Aber &#8222;abenteuerlich&#8220;, wie es der Verlag anpreist, ist es doch kaum jemals und die wenigen Passagen, da die Erz\u00e4hlweise wirklich in diese Richtung geht, sind dann doch stark \u00e4sthetisiert, so dass eigentlich der Nervenkitzel ausbleibt, die starken Schilderungen jedoch ihren bleibenden Eindruck machen. Selbstverst\u00e4ndlich ist insbesondere der Weg der Hauptfigur ins unbekannte China ein grosses Wagnis, da die Handlung so sehr in den K\u00f6pfen und in Monologen stattfindet, ist man eher fasziniert anstatt gefesselt. Erstes Zwischenfazit: Kein Abenteuerroman! Dann zeigt sich anhand des dichten Innenlebens der Charaktere viel, manchmal all zuviel menschliches Denkverhalten. Nicht wenig wird auf Hegel verwiesen und zum europ\u00e4ischen Weltbild l\u00e4sst sich wohl kaum ein antithetischeres als das fern\u00f6stliche hernehmen, von daher ist die Referenz sehr passend gew\u00e4hlt, zumal sich hegelianische Konzepte wohl nur anhand des konkret geschilderten Beispiels in ertr\u00e4glicher Weise aufzeigen lassen. Als Kontrast und zur Ebenb\u00fcrtigkeit des interkulturellen Dialogs, den der Roman pflegt, werden verschiedene chinesische Weisheiten und Sinnspr\u00fcche miteingewoben und stark gemacht. Die westlichen &#8222;Teufel&#8220; erscheinen so angesichts der jahrtausendealten chinesischen Kultur nicht selten als unbeholfene und starrk\u00f6pfige Trottel, die Asiaten hingegen als verschlossen und unbeteiligt grausam, so dass die immer wieder ge\u00e4usserte Ansicht, dass die Chinesen erhaben und im Gegensatz zu allen anderen die eigentlichen Menschen seien, weil sie Mitgef\u00fchl h\u00e4tten, nicht nur widerspr\u00fcchlich, sondern geradezu verst\u00f6rend wirkt. Dass Fremd- und Selbstbilder nicht nur verkl\u00e4ren, sondern geradezu irref\u00fchrend sind, zeigen diese rund siebenhundert Seiten eindr\u00fccklich auf und geben Anlass, die eigenen Vorstellungen des Menschseins zu hinterfragen. Dennoch beeindruckt das Buch vor allem als Ode an die Gelehrsamkeit, weniger als Anregung zum pers\u00f6nlichen Umdenken und wirkt damit eher schm\u00e4lernd auf das intellektuelle Selbstbewusstsein der Lesenden. Zweites Zwischenfazit: Als philosophisches Gleichnis nur ansatzweise inspirierend! Dann aber werden die Personen derart gut gezeichnet mit Kontrasten und Kanten, man taucht ein in ihre Vorstellungswelt und wird Zeuge ihrer Gedanken, ebenso bleiben die Schilderungen von Ereignissen und Orten wie pers\u00f6nliche Erinnerungen haften, dass man rein literarisch allemal auf seine Rechnung kommt, wenn man sich dem gem\u00e4chlichen Tempo des Erz\u00e4hlens anvertraut. Man hat Gelegenheit, sich im Wuwei des Lesens zu \u00fcben, also zu Lesen, ohne dabei etwas zu erwarten, rein um des Lesens willen. Dann ist auch das wenig ergiebige Ende des Buches nicht eine Entt\u00e4uschung, sondern eine Einladung, die Geschichte in Gedanken weiterfliessen zu lassen. Echtes Fazit: Auch wenn man zum Schluss nicht viel mehr \u00fcber diese geschichtlich interessante Zeit weiss, auch wenn man wenig gedankliche Beute machen kann, auch wenn man zum Schluss gar nicht so recht weiss, was man da nun gelesen hat, bleibt eine gef\u00fchlte Bereicherung zur\u00fcck, die der Weite des allgemeinen Horizonts zutr\u00e4glich ist. Am Schluss eines Romans sollte doch ein Gef\u00fchl bleiben, das gelingt &#8222;Gott der Barbaren&#8220; auf jeden Fall, nur ist das Gef\u00fchl eher komplex und damit wohl ein passendes Abbild des Themas. Die Wirkung bei mir war jedenfalls die, dass sich die Zeitempfindung ausgedehnt hat, dass sich die Empf\u00e4nglichkeit f\u00fcr das Harmonische gesteigert hat und dass ich gerade im Moment meine wiederentdeckte Liebe zum Gr\u00fcntee pflege&#8230;<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/gott_der_barbaren-stephan_thome_42825.html\">www.suhrkamp.de\/buecher\/gott_der_barbaren<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=lcIEb8TTWgk\">www.youtube.com\/Autorengespr\u00e4ch<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/kultur\/buecher\/die-barbaren-sind-immer-die-anderen\/story\/16334909\">www.tagesanzeiger.ch\/die-barbaren-sind-immer-die-anderen<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/literatur\/stephan-thome-der-roman-gott-der-barbaren-rezensiert-a-1227958.html\">www.spiegel.de\/der-roman-gott-der-barbaren-rezensiert<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.bbc.co.uk\/programmes\/b00776k9\">www.bbc.co.uk\/inourtime\/theopiumwars<\/a><\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stephan Thome: Gott der Barbaren &#8211; Roman, Suhrkamp, 2018. 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