{"id":113,"date":"2019-03-03T21:00:58","date_gmt":"2019-03-03T20:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/?p=113"},"modified":"2020-05-05T13:19:00","modified_gmt":"2020-05-05T11:19:00","slug":"ausgelesen-am-3-maerz-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/?p=113","title":{"rendered":"Ausgelesen am 3. M\u00e4rz 2019"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Frank Sch\u00e4tzing: <a href=\"http:\/\/www.frank-schaetzing.com\/buch\">Die Tyrannei des Schmetterlings<\/a> &#8211; Roman, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2018.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Beinahe durchgehend schlechte Kritiken erh\u00e4lt dieser neue Roman von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frank_Sch%C3%A4tzing\">Sch\u00e4tzing<\/a>, wenn man jedoch den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Schwarm\">Schwarm<\/a> (2004) so verschlungen hat, wie ich damals, kriegt man auch diesen W\u00e4lzer locker runter, und zwar ohne schwer schlucken zu m\u00fcssen. Sowohl die Handlung, weil realistischer, der Stil, weil stimmungsvoller, vor allem aber auch die Spannung sind stellenweise sogar eindeutig besser. Wenn also mitunter bem\u00e4ngelt wird, das Buch ende abrupt und allzu hollywoodianisch, mag man vielleicht vergessen haben, dass der Schwarm zum Schluss diesen Pr\u00e4dikaten ebenfalls gen\u00fcgt und dabei sogar noch etwas abwegiger ist. Doch eins ums andere: Sch\u00e4tzing trifft mit den Themen k\u00fcnstlicher Intelligenz und Silicon-Valley-Kapitalismus durchaus und wieder einmal den Nerv der Zeit; dies war f\u00fcr mich eindeutig ein Grund, das Buch \u00fcberhaupt in die Hand zu nehmen. Es f\u00e4llt auch nicht schwer, sich geistig mit den Hauptfiguren zu verbandeln, denn obgleich anderswo das Gegenteil behauptet wird, besitzen diese Charakteren durchaus Tiefe und gen\u00fcgend Ambivalenz, um ausreichend echt zu wirken. Nebenbei angemerkt, will Sch\u00e4tzing ja sein Kino im Kopf literarisch zur Verf\u00fcgung stellen, was auch eine gewisse Seichtheit erlaubt angesichts der immersiven Bildgewaltigkeit der Schilderungen. Und wenn bei mir ein Buch jenen Moment der filmischen Ergriffenheit ausl\u00f6st, bei dem man sich buchst\u00e4blich mit den Fingern in den Sitz krallt, dann kann ich es gerne gelungene Unterhaltung nennen. \u00dcbrigens nehmen manche Rezensionen eindeutig zu viele \u00fcberraschende Momente vorweg, so dass ich froh bin, zuvor keine gelesen zu haben. Als ethisches Gedankenexperiment, das jedoch stets im Rahmen des M\u00f6glichen bleibt, regt die Geschichte wirklich zum Nachdenken an. Bei aller philosophischen G\u00fcte und wissenschaftlichen Durchdachtheit, geht aus meiner Sicht die Logik der Entwicklungen des sp\u00e4teren Buches nicht ganz auf, aber niemals so, dass es einen am Weiterlesen und Mitdenken hindert. Im Kontrast dazu liest sich n\u00e4mlich auch vieles als Parodie auf Personen und Gegebenheiten unserer gegenw\u00e4rtigen Gesellschaften. Dass das Buch einige L\u00e4ngen aufweise, stimmt nur bedingt, w\u00fcrde ich sagen, denn gerade die gem\u00e4chliche Erz\u00e4hlweise der ersten H\u00e4lfte tr\u00e4gt sehr zur unheimlichen Atmosph\u00e4re bei und erlaubt die massive Steigerung des Tempos gegen das Ende hin. Dort hingegen braucht es wirklich keine verdichtenden Beschreibungen und fantasievollen Ausschm\u00fcckungen mehr, die eben schon auch vorhanden sind. Mir ist das eigentlich kein Dorn im Auge, da ich jeweils dazu tendiere, am Schluss eines guten Buches eher langsamer zu lesen, um es noch ein wenig l\u00e4nger geniessen zu k\u00f6nnen. Und okay, zugegeben, das Finale ist kitschig, aber eben, das verheisst auch schon die Umschlagsgestaltung und die Erfahrung mit dem Schwarm. Aber insgesamt, so als &#8222;Schwarm 2.0&#8220; betrachtet, hat sich f\u00fcr mich die Lekt\u00fcre mehr als gelohnt. Wenn man zu viel erwartet, wird man entt\u00e4uscht, ganz klar. Aber es handelt sich ja um eine bestimmte Art von Science-Fiction, die einen jeden Film \u00fcbertreffenden Zuwachs an Spannung, Information und Vorstellungskraft bietet, und zwar nicht zu knapp. Genervt an diesem Buch hat mich eigentlich nur, dass es offenbar etwas hastig lektoriert worden ist. Zudem m\u00f6chte ich behaupten, dass ich auch in hochstehender Literatur nur selten so ber\u00fchrend formulierte S\u00e4tze wie diese vorgefunden habe:<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Jemand hat Emmylou Harris mit einem Vierteldollar gef\u00fcttert, unterschluchzt von Slide-Gitarren singt sie das Lied einer Sitzengelassenen. Der indianisch aussehende Trucker, der \u00f6fter in Downieville \u00fcbernachtet, wiegt sich mit einer nicht ganz n\u00fcchtern wirkenden Frau versonnen in seiner Jugend. Fleischsaft l\u00e4uft aus dem Br\u00f6tchen. In der Touristensaison ist das St. Charles Place ein l\u00e4rmender, ausgelassener Ort, an den Abenden wie diesen durchtr\u00e4nkt von jener schwer zu fassenden Melancholie, die nur versteht, wer in den Lebenden die Toten sieht. Die drei riesigen Spiegel hinter der Bar werfen jeden gefassten Vorsatz, der \u00fcber die n\u00e4chste Bestellung hinausgeht, auf ihren Urheber zur\u00fcck. Man starrt blind auf sich selbst, f\u00fcr den Moment zufrieden. Das kr\u00e4ftige Bier sp\u00fclt den bitteren Geschmack vergeudeter Jahre hinunter, die Ereignislosigkeit des Abends w\u00e4rmt wie ein falsches Kaminfeuer.&#8220; &#8211; Zitiert: Seite 323.<\/em><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/rezensionen\/frank-schaetzing-die-tyrannei-des-schmetterlings-rezension-15552583.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0\">www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/rezensionen\/frank-schaetzing<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/die-tyrannei-des-schmetterlings-von-frank-schaetzing-und-raus-bist-du\/21214226.html\">www.tagesspiegel.de\/kultur\/die-tyrannei-des-schmetterlings<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/roman-von-frank-schaetzing-tief-im-westen-schmilzt-der-streifen-abendrot-1.3959414\">www.sueddeutsche.de\/kultur\/roman-von-frank-schaetzing<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/frank-schaetzing-die-tyrannei-des-schmetterlings-ein-plot.740.de.html?dram:article_id=420575\">www.deutschlandfunk.de\/frank-schaetzing-die-tyrannei-des-schmetterlings<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.literaturzeitschrift.de\/book-review\/schaetzing-schmetterling\/\">www.literaturzeitschrift.de\/book-review\/schaetzing-schmetterling<\/a><\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frank Sch\u00e4tzing: Die Tyrannei des Schmetterlings &#8211; Roman, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2018. 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