{"id":183,"date":"2019-11-12T17:45:15","date_gmt":"2019-11-12T16:45:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/?p=183"},"modified":"2020-05-05T13:18:28","modified_gmt":"2020-05-05T11:18:28","slug":"hans-saner-die-anarchie-der-stille","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/?p=183","title":{"rendered":"Hans Saner: Die Anarchie der Stille"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Lenos Verlag, Basel 1990.<\/h4>\n\n\n\n<p><em> &#8222;Bis alles in eine Stille m\u00fcndet, die ganz anarchisch ist.&#8220; <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Aphorismen lese ich nahezu so gerne wie Gedichte an einem stillen Ort und erlebe es als pers\u00f6nliche Teilhabe an der Anarchie, wenn ich, w\u00e4hrend ich etwas gr\u00f6sstenteils enorm Nutzloses produziere und damit eben gerade dem Gedanken der Produktivit\u00e4t zuwiderhandle und es deshalb schon hie und da als kreativen Akt erachte, mich mit fremden Gedanken befasse, dem Kontraste wegen eben gerne auch mit sch\u00f6nen oder zumindest sch\u00f6n formulierten Gedanken, die ja gerade heutzutage den meisten so g\u00e4nzlich sinnlos und vermeintlich nutzlos erscheinen. Im Sinne Nietzsches g\u00f6nne ich mir diese Seelenbisse eben nur h\u00e4ppchenweise, ja geradezu h\u00e4ufchenweise, und da zum k\u00f6rperlichen Stoffwechselprozess im \u00fcbertragenen Sinn das geistige Delektieren von solchen Texten kontr\u00e4r ist, aber auch komplement\u00e4r zusammenpasst, dauert die Schm\u00f6kerei halt jeweils nur so lange man sitzt. So zieht sich der Verzehr eines solchen an sich gar nicht so volumin\u00f6sen B\u00e4ndleins ganz sch\u00f6n in die L\u00e4nge, trotz der einen oder anderen Sessionsverl\u00e4ngerung, was aber auch wie gesagt trefflich resoniert mit der Resorbtionszeit an intellektuellem Brennwert angereicherter Texte. Einzelne wiederum passen dann aber eher wieder sinnf\u00e4llig zu den fallenden Endprodukten, die mir dann w\u00f6rtlich auch als Urteil entfahren, wenn ein Staatsabf\u00fchrer des j\u00fcngeren Chinas gelobhudelt wird. Doch sind es eben die wie gemeisselt anmutenden Kompositionsperlen, die gerade in einer an sich dem Kompost n\u00e4hergelegenen Lokalit\u00e4t und in dessen stiller Trostlosigkeit umso mehr aufscheinen und umso mehr trostreich sich noch veredeln mit jedem neuen Lesen, als ob man sie im Mund zergehen lassen wollte und anstatt eines feinen Abgangs erh\u00e4lt und steigert sich ein geschmackvolles Erlebnis von Denkweite. Eben angesichts der kontr\u00e4ren Beispiele solch einer disparaten Textsammlung und eingedenk des wenig spektakul\u00e4ren Ortes ihres Verzehrs. Gerade jener Gedankengang, dessen Titel auch dem B\u00e4ndchen den seinen entliehen hat, ist ein ebensolches. Der Tendenz nach sind jene bewusstseinsgerechten St\u00fccke, die sich den lange anhaltenden Themen wie der Menschheit an sich annehmen, die besonders schmackhaften. Jene hingegen, die sich den eher kurzfristigen Produkte und Ideen dieser Menschheit widmen, wiederum eher wenig erfreulich und ihnen ereilt dasselbe Schicksal wie den verstoffwechselten Menschprodukten, das reinigende Vergessen sp\u00fclt sie weg und nur ein feiner Geruch erinnert daran, dass auch wohlduftende Rosen im Dunkeln und Dumpfen wurzeln. Aber das Gef\u00fchl, wenn der Deckel zuklappt, ist doch einer der erleichterten Lebendigkeit, so dass selbst in Banalit\u00e4ten noch so viel Sinn erkannt werden kann und man sagen kann, dass sich das Ausbr\u00fcten all dieser Gedanken gelohnt hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lenos Verlag, Basel 1990. &#8222;Bis alles in eine Stille m\u00fcndet, die ganz anarchisch ist.&#8220; Aphorismen lese ich nahezu so gerne wie Gedichte an einem stillen Ort und erlebe es als pers\u00f6nliche Teilhabe an der Anarchie, wenn ich, w\u00e4hrend ich etwas gr\u00f6sstenteils enorm Nutzloses produziere und damit eben gerade dem Gedanken der Produktivit\u00e4t zuwiderhandle und es &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/?p=183\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eHans Saner: Die Anarchie der Stille\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-183","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/183","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=183"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/183\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":212,"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/183\/revisions\/212"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=183"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=183"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=183"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}