{"id":219,"date":"2020-12-25T15:36:00","date_gmt":"2020-12-25T14:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/?p=219"},"modified":"2020-12-25T15:49:27","modified_gmt":"2020-12-25T14:49:27","slug":"jean-michel-guenassia-der-club-der-unverbesserlichen-optimisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/?p=219","title":{"rendered":"Jean-Michel Guenassia: Der Club der unverbesserlichen Optimisten"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/der_club_der_unverbesserlichen_optimisten-jean-michel_guenassia_46862.html\">Roman, Suhrkamp\/Insel, 2011.<\/a><\/h4>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"547\" src=\"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Screenshot-2020-12-25-140524-1024x547.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-220\" srcset=\"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Screenshot-2020-12-25-140524-1024x547.jpg 1024w, https:\/\/www.ausgelesen.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Screenshot-2020-12-25-140524-300x160.jpg 300w, https:\/\/www.ausgelesen.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Screenshot-2020-12-25-140524-768x410.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Der Medici-Brunnen im Jardin du Luxembourg, Paris. (Bild: Wikipedia)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Mein liebes achtzehnj\u00e4hriges Ich, auch wenn Du im Moment denkst, dass Du bei Weitem genug zu lesen hast f\u00fcr die Schule, solltest Du auf jeden Fall diesen Roman angehen, f\u00fcr Dich, f\u00fcrs Leben. Mir musst Du auch nicht mit Ausreden kommen, denn ich erinnere mich gut, auch nebenbei noch genug Zeit f\u00fcr weniger kanonische Lekt\u00fcren und weniger schlaue Unterfangen gehabt zu haben. Lasse Dich auch nicht von der Menge an Seiten einsch\u00fcchtern, sp\u00e4ter wirst Du zur \u00dcberzeugung gelangen, dass Romane verdichtete Welten sind und daher am besten sehr umfangreich sein sollten, da sie ansonsten ja schlicht zu wenige Seiten h\u00e4tten, um nicht zu einseitig oder gar zu oberfl\u00e4chlich zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Also, Du langweilst Dich schon und willst Gr\u00fcnde, weshalb Du <em>den Club<\/em> lesen solltest. Zun\u00e4chst versammelt er mehrere Welten, die Dich interessieren: Paris, die Sechziger, den Sozialismus und andere Ideale, Rock&#8217;n&#8217;Roll, den Kalten Krieg, Jugend oder eher das Erwachsenwerden, Abenteuer, Kunst (Fotografie), Schicksalsschl\u00e4ge, Philosophie, Schach, Freundschaft und nat\u00fcrlich die Liebe. Die Hauptfigur steht wie Du vor seinem Reifezeugnis und meint genauso, schon fast alles und vieles besser zu wissen oder zumindest ein authentischeres Gef\u00fchl f\u00fcr die Wahrheit zu haben als andere. Er sieht und verh\u00e4lt sich schon viel erwachsener, als er eigentlich ist und orientiert sich immer mehr am Leben ausserhalb der zunehmend zerr\u00fctteten Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Am liebsten h\u00e4lt er sich im Balto auf, das je nach Sichtweise einem Caf\u00e9, einem Bistro oder einer Brasserie gleichkommt, wo er auf wilde, geheimnisvolle, verschlossene und herzliche Charaktere trifft. Es ist eine ganz andere und mysteri\u00f6se Welt eines Clubs von russischen Exilanten, die sich Schach als Vorwand f\u00fcr etwas Geselligkeit in der Fremde ausgesucht haben. Alle spielen auf einem beeindruckenden Niveau, sodass Michel zun\u00e4chst nur zuschaut, zuh\u00f6rt und lernt. Dabei nehmen die Lebensgeschichten der Spieler des M\u00e4nnerclubs mitsamt Ihren Verschr\u00e4nkungen immer mehr Gestalt an.<\/p>\n\n\n\n<p>Michel Marini entdeckt die Fotografie und neue Motive. Die Lichtbilder zeigen die Helligkeit des sich aus Konventionen befreienden Bewusstseins und die Schatten politischer und ideologischer Unmenschlichkeit. Eben diese Gegens\u00e4tze versammeln sich im Erleben der charakterlich recht unscharf gezeichneten Hauptfigur, die oft eher passiv ihr eigenes Leben zur Kenntnis nimmt, fast wie ein Kinobesucher. Dorthin, ins Kino, verirrt sich der im Gehen und sehr viel lesende Michel \u00fcbrigens oft, besonders als er auf der Suche nach einer ganz bestimmten Person ist, deren Namen er nicht kennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass dieser Roman zu begeistern vermag, liegt neben dem Schauplatz, den malerischen Charakteren und den mitreissenden Erz\u00e4hlungen wohl vor allem am geschmeidigen Schreibstil und in diesem Fall auch an der \u00dcbersetzung, die kaum je auff\u00e4llt und daher sehr gelungen ist. Obwohl ich B\u00fccher nur selten mehrmals lese, werde ich diesen Roman dereinst noch im Original lesen wollen, denn manche B\u00fccher sind eben um Welten immersiver und eindr\u00fccklicher als das Kino, zugleich aber ebenso unterhaltsam, sch\u00f6n, traurig und nicht selten auch komisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Optimisten sind keine, das Ende bleibt komplett offen, vieles kommt scheinbar nur zuf\u00e4llig zusammen und dennoch spiegelt diese Collage von Menschen im Umbruch wieder, wie zerrissen, wie beliebig sich das Leben oft zusammenf\u00fcgt und dann im arrangierten Durcheinander v\u00f6llig zuf\u00e4llig etwas ganz Ausserordentliches erscheint. Unbek\u00fcmmert liest man bei diesem Werk vor sich hin, geniesst die stimmungsvollen Bilder vor innerem Auge und ist dann auf einen Schlag zutiefst ber\u00fchrt, ja durchstr\u00f6mt von Gef\u00fchl und Lebendigkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman, Suhrkamp\/Insel, 2011. 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