{"id":240,"date":"2021-02-21T13:25:03","date_gmt":"2021-02-21T12:25:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/?p=240"},"modified":"2021-12-12T14:22:37","modified_gmt":"2021-12-12T13:22:37","slug":"parallellektuere-philipp-blom-der-taumelnde-kontinent-christopher-clark-the-sleepwalkers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/?p=240","title":{"rendered":"Parallellekt\u00fcre = Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent + Christopher Clark: The Sleepwalkers"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hanser 2009 + Penguin 2012<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/9\/91\/Le_Chateau_d%27eau_and_plaza%2C_Exposition_Universal%2C_1900%2C_Paris%2C_France.jpg\/800px-Le_Chateau_d%27eau_and_plaza%2C_Exposition_Universal%2C_1900%2C_Paris%2C_France.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Wasserschloss und die Palais der chemischen und mechanischen Industrie an der Weltausstellung von 1900 auf dem Champ-de-Mars in Paris. Bild: Wikipedia<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um das zwanzigste Jahrhundert und indirekt auch die Umbr\u00fcche der heutigen Lebenswelt besser zu verstehen, empfiehlt es sich, die Welt um 1900 genauer kennen zu lernen. Eine lesenswerte Gelegenheit hierzu bieten die beiden B\u00fccher von Blom und Clark, wobei ersteres eher der Frage nachgeht, wie die Zivilgesellschaft im heutigen Sinne entstanden und eine ganz andere Welterfahrung innert weniger Jahre verschwunden ist und letzteres aufzeigt, wie der kriegerische Konflikt des ersten Weltkriegs angesichts der Machtbl\u00f6cke, Defensivpakte, Schuldverh\u00e4ltnisse und der schier un\u00fcberwindlichen Denkmuster praktisch unvermeidbar war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Die Schlafwandler&#8220; ist insofern un\u00fcblich, als es auch die psychologischen Vorg\u00e4nge und gesellschaftlichen Werte thematisiert, die angesichts der rapiden Ver\u00e4nderungen und Beschleunigungen vor allem im Gebiet der Technik nur mit einem Wort zu beschreiben w\u00e4ren: individuelle und kollektive \u00dcberforderung. Auf diesen Umstand reagierten die meisten Individuen und Gesellschaften gleichsam mit reaktion\u00e4ren Fluchten in Stereotype, vor allem jene der M\u00e4nnlichkeit, der Kontrolle und der Nation. Schon allein diese \u00dcbersteigerungen machten einen friedlichen Weg ins beginnende zwanzigste Jahrhundert schwierig oder gar unm\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch in &#8222;Der taumelnde Kontinent&#8220; zeigt sich, dass die konstanten und immer zahlreicheren Infragestellungen durch technologische, kulturelle wie auch soziale Umbr\u00fcche beinahe alle herk\u00f6mmlichen Garantien in Frage stellten oder gar obsolet erscheinen liessen. Status, Autorit\u00e4t, Hautfarbe, Geschlecht, Vernunft und Bildung waren in den Jahren um die Jahrhundertwende zu Quellen der Verunsicherung geworden. Blom zeigt auf, wie vornehmlich die \u00e4ngstlichen, weissen M\u00e4nner sich in Obsessionen der vermeintlichen St\u00e4rke und \u00dcberlegenheit st\u00fcrzten. Mit dem aufkeimenden Selbstbewusstsein der Frauen, kam jenes der M\u00e4nner ins Wanken, worauf diese ihre gesellschaftliche Stellung verteidigten und durch Militarismus, Kolonialismus, Sexismus und zahlreiche weitere h\u00e4ssliche Ausgestaltungen des Herrschaftsgef\u00fcges noch ausbauten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend sich die einen durch den R\u00fcckgriff auf ein verkl\u00e4rt viriles und offen rassistisches Welt- und Menschenbild gegen die Modernisierung aller Lebensbereiche stellten, konnten die anderen, etwas feinf\u00fchligeren Naturen, sich oft selbst nicht mehr retten und drifteten angesichts der zahllosen Eindr\u00fccke, Neuerungen und Mechanisierungen von Arbeit in ein Gef\u00fchl der Nutz- und Hoffnungslosigkeit, nicht selten entwickelten sie bislang unbekannte Nervenleiden. Sprache und Denken waren noch ausgerichtet auf ein \u00fcberschaubares Leben in einem gem\u00e4chlichen Tempo innerhalb von einigermassen konstanten gesellschaftlichen Strukturen. Binnen zweier Jahrzehnte hatte sich die Lebenswelt komplett gewandelt und bewirkte bei den Menschen Verbl\u00fcffung, Spannung, Unsicherheit, Wut und oft auch Grausamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beide B\u00fccher entf\u00fchren in eine Zeit, die unserer so unglaublich fremd erscheint, wenn man das Nachwirken und die Verwurzelungen des neunzehnten Jahrhunderts erkennt. Zugleich jedoch befinden wir uns heute an einem sehr \u00e4hnlichen Punkt, vieles wird durch die Digitalisierung obsolet \u00e4hnlich wie damals durch die Mechanisierung. Menschen sind gezwungen, \u00fcber ihren Wert als Arbeitskraft oder Person und \u00fcber ihre Wertvorstellungen grundlegend nachzudenken. Lernen k\u00f6nnte man aus dieser Parallellekt\u00fcre, dass man auch zugeben darf, wenn etwas verunsichert oder gar Angst macht, anstatt sich durch Aktivismus oder Reaktionismus nur weiter zu \u00fcberfordern. Damit vielleicht nicht wie damals Massen von Neurasthenikern (Burnout-Patienten), systematische Unterdr\u00fcckungen oder Ausbeutungen und bestialische Gewaltexzesse die Folge der globalen Umformungen sind, sondern ein trotz aller Konflikte und Komplexit\u00e4ten auf Verst\u00e4ndnis und Sorgfalt beruhendes F\u00fcreinander von Menschen, Natur und Technik, welches im Idealfall allen drei zugute kommt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hanser 2009 + Penguin 2012 Um das zwanzigste Jahrhundert und indirekt auch die Umbr\u00fcche der heutigen Lebenswelt besser zu verstehen, empfiehlt es sich, die Welt um 1900 genauer kennen zu lernen. 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