{"id":258,"date":"2021-12-12T17:11:23","date_gmt":"2021-12-12T16:11:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/?p=258"},"modified":"2021-12-12T18:42:01","modified_gmt":"2021-12-12T17:42:01","slug":"parallellektueren-philipp-blom-die-zerrissenen-jahre-ian-kershaw-to-hell-and-back-roller-coaster-europe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/?p=258","title":{"rendered":"Parallellekt\u00fcren = Philipp Blom: Die zerrissenen Jahre + Ian Kershaw: To Hell and Back + Roller-Coaster Europe"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hanser 2014 + Penguin 2016 + 2019<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/0\/04\/Mauerspecht.jpg\/1280px-Mauerspecht.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Ein sogenannter &#8222;Mauerspecht&#8220; macht sich 1989 klopfend an der Berliner Mauer zu schaffen und tr\u00e4gt symbolisch die harten Grenzen und Dichotomien des 20. Jahrhunderts ab. Neue Lebensweisen und Rhythmen wie jene des Jazz unterh\u00f6hlten und l\u00f6cherten die alten Konventionen seit Ende des  1. Weltkriegs, doch der Todeskampf der eigentlich vorgestrigen Weltsichten schuf neue H\u00f6llen der Unmenschlichkeit. Bild: Wikipedia<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fragt man sich, worin das lebensweltliche und das geistige Erbe der Zerw\u00fcrfnisse und Entwicklungen des letzten Jahrhunderts liegt, dr\u00e4ngt sich auf, dass aus den zahlreichen, oft komplett verantwortungslos, nicht selten mutwillig und vereinzelt desastr\u00f6s herbeigef\u00fchrten Tr\u00fcmmerhaufen althergebrachter Strukturen und Vernunftprinzipien, zwar eine befreiend anmutende, neuartige Komplexit\u00e4t und Vielgestaltigkeit (das bunte Graffitto im Bild oben) entstanden ist, zugleich aber auch eine unglaublich dilettantische wie kurzsichtige Dekonstruktion oder Umwandlung von Sicherheiten und Richtlinien einherging, die heute in eine l\u00e4hmende Unverf\u00fcgbarkeit von damals angestossenen Entwicklungen m\u00fcndet. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus heutiger Distanz gesehen, erscheinen diese Handlungen ihrer Tragweite und Schwere nach kaum mehr nachvollziehbar, da man sich mit den ambivalenten Konsequenzen der damaligen Handlungen konfrontiert sieht und diese h\u00f6chstens noch abmildern, aber nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig machen kann, was z.B. im Fall von Gleichberechtigung ja gar nicht w\u00fcnschenswert w\u00e4re. Die Perspektive fr\u00fcherer Menschen ist nat\u00fcrlich immer eine andere als jene ihrer Nachkommenschaft, jedoch ist das zwanzigste Jahrhundert insofern besonders, als dass seine uns\u00e4glich barbarischen Umbr\u00fcche ebenso wie die unglaublich fortschrittlichen Durchbr\u00fcche, die es mit sich brachte, das Konzept und den Sinn der menschlichen Ziviliation selbst fundamental in Frage stellte. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die drei B\u00fccher von Blom und Kershaw k\u00f6nnen helfen, diese Sichtweisen, vor allem aber die Empfindungen von Menschen vor dem Ende des Jahrtausends angesichts der vormals v\u00f6llig ungeahnten Potentiale von Entfaltung und Zerst\u00f6rung zu rekonstruieren. W\u00e4hrend Blom wie so oft durch eine kulturwissenschaftliche Lupe auf das Leben der Zwischenkriegszeit das Warum des zweiten Weltkriegs und der von ihm geschlagenen Wellen etwas nachvollziehbarer macht, ergibt sich durch die n\u00fcchterne und niemals einseitige Betrachtung Kershaws ein \u00dcberblick auf zehn Jahrzehnte Menschheitsgeschichte, die dadurch zwar nicht nachvollziehbarer, aber in ihrer Bedeutsamkeit durchaus um einiges klarer werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die starken Kontraste, die sich prim\u00e4r gesellschaftlich ab 1900 und noch intensiviert nach 1918 bemerkbar machten, brachten tiefgreifende Ver\u00e4nderungen auf allen Ebenen des menschlichen Daseins ins Rollen, die zuvor undenkbar gewesen w\u00e4ren. Die beiden Weltkriege waren in vielerlei Hinsicht nicht nur grosse Gleichmacher, sonden schufen neue Arten der Ungleichheit, die in Verbindung mit dem ungebrochenen technologischen Machbarkeitsglauben und durch existentielle \u00c4ngste vor dem Kontrollverlust eine unheilvolle Wirkung zeitigten. Alles wurde dem Clich\u00e9-Europ\u00e4er zur Bedrohung: Frauen, Talent, Intelligenz, Hautfarbe und \u00fcberhaupt alles Andersartige. Unf\u00e4hig, diese Herausforderungen als Bereicherung zu sehen und sich ihnen zu \u00f6ffnen, blieb den vom alten Bild der m\u00e4nnlichen Rationalit\u00e4t gepr\u00e4gten und zugleich von Kriegserlebnissen traumatisierten Gesellschaft nichts anderes als reaktion\u00e4re Flucht in die vertrauten Mittel und deren Steigerung in die Perversion: Aneignung, Abschreckung und Unterdr\u00fcckung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die mit diesem Verhalten einhergehenden Privilegien schienen viele, wenn nicht sogar alle Massnahmen zu rechtfertigen. Zun\u00e4chst wenigstens; doch mit fortschreitender Eskalation dieser narzisstischen Machbarkeitsideologie und ihren immer h\u00e4sslicher werdenden Niederschl\u00e4gen in Form von Diskriminierung, milit\u00e4rischer Aufr\u00fcstung, radioaktiver Verstrahlung, anhaltender Umweltzerst\u00f6rung und globaler Ausbeutung, regte sich der Widerstand insbesondere in jenen Gesellschaften, die ausgehend von diesen Privilegien immer gebildeter und egalit\u00e4rer wurden. Kershaw zeigt auf, wie sich diese Umw\u00e4lzungen auch in diesem Jahrhundert bemerkbar machen und h\u00f6rt mit der Geschichtsschreibung erst in der Gegenwart auf und thematisiert zum Schluss sogar noch den Brexit, was eher un\u00fcblich ist f\u00fcr einen Historiker, da man sich doch oft eine reflexive Distanz von rund zwanzig Jahren herausnimmt, um die vergangenen Prozesse im Lichte ihres Kontextes schildern zu k\u00f6nnen. Seine Entscheidung, einen fliessenden \u00dcbergang in die j\u00fcngste Zeitgeschichte zu wagen, unterst\u00fctzt und vertieft genealogisch durchaus das Verst\u00e4ndnis der heutigen Begebenheiten. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle drei B\u00fccher erg\u00e4nzen sich zu einem guten \u00dcberblick der Dynamik der letzten hundert Jahre. Die damalige Zeit und insbesondere ihre Zeuginnen und Zeugen entrinnen mitsamt ihren Erinnerungen nun langsam dem kollektiven Gewahrsein. Wie mag es sich angef\u00fchlt haben? Ohne Geld in der grossen Depression, leicht verrucht im Jazz-Keller, im scheinbar gerechten Krieg mit allen Mitteln, in den Tr\u00fcmmern der alten Welt, im Rausch des Wirtschaftswunders, angesichts der nuklearen Apokalypse, jedes Wort wie ein m\u00f6gliches Todesurteil abw\u00e4gen m\u00fcssen, beflimmert der Mondlandung beiwohnen, f\u00fcr die Rechte der halben Menschheit oder gegen das Waldsterben demonstrieren, auf einmal frei auf der Mauer sitzen oder erstmals begeistert ein Rockkonzert besuchen zu k\u00f6nnen? Dies sind alles Gef\u00fchle, die aus globalisierter Perspektive zwangsl\u00e4ufig immer etwas eingeschr\u00e4nkt wirken m\u00f6gen, f\u00fcr die Leute damals war die Erfahrung ihrer Lebenswelt jedoch absolut und nicht relativiert wie f\u00fcr uns. Es k\u00f6nnte also nicht schaden, selbst sein Weltbild etwas zu erweitern, die nachfolgenden Menschen ebenfalls im Blick zu haben und sich dieses Mal wahrhaft zu emanzipieren zu einer Spezies, die verantwortlich mit sich selbst und diesem einzigartigen Planeten umgeht.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-style-large is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201cWar, like death, is a great leveller, and mutual suffering and endurance had made us all friends.\u201d<\/p><cite>&#8211; Mary Seacole, &#8222;Wonderful Adventures of Mrs. Seacole in Many Lands&#8220; (1857)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Weiterf\u00fchrende Links:<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.hanser-literaturverlage.de\/buch\/die-zerrissenen-jahre\/978-3-446-24617-1\/\" rel=\"nofollow\">Philipp Blom: Die zerrissenen Jahre &#8211; Hanser Verlag<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=34SUnc59c7Y\" rel=\"nofollow\">Philipp Blom spricht \u00fcber &#8222;Die zerrissenen Jahre. 1918-1938&#8220; &#8211; YouTube<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"Leselounge: Philipp Blom im Gespr\u00e4ch mit G\u00fcnter Kaindlstorfer - YouTube\" rel=\"nofollow\">Leselounge: Philipp Blom im Gespr\u00e4ch mit G\u00fcnter Kaindlstorfer &#8211; YouTube<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.penguin.co.uk\/books\/105926\/to-hell-and-back\/9780141980430.html\" rel=\"nofollow\">Ian Kershaw: To Hell and Back &#8211; Penguin<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.penguin.co.uk\/books\/279\/279961\/roller-coaster\/9780141980447.html\" rel=\"nofollow\">Ian Kershaw: Roller-Coaster &#8211; Penguin<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=F9k1EZ-EAps\" rel=\"nofollow\">Europe&#8217;s Stories: Ian Kershaw &#8211; YouTube<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hanser 2014 + Penguin 2016 + 2019 Fragt man sich, worin das lebensweltliche und das geistige Erbe der Zerw\u00fcrfnisse und Entwicklungen des letzten Jahrhunderts liegt, dr\u00e4ngt sich auf, dass aus den zahlreichen, oft komplett verantwortungslos, nicht selten mutwillig und vereinzelt desastr\u00f6s herbeigef\u00fchrten Tr\u00fcmmerhaufen althergebrachter Strukturen und Vernunftprinzipien, zwar eine befreiend anmutende, neuartige Komplexit\u00e4t und Vielgestaltigkeit &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/?p=258\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eParallellekt\u00fcren = Philipp Blom: Die zerrissenen Jahre + Ian Kershaw: To Hell and Back + Roller-Coaster Europe\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-258","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/258","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=258"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/258\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":272,"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/258\/revisions\/272"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=258"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=258"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=258"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}