{"id":349,"date":"2025-08-29T11:45:15","date_gmt":"2025-08-29T09:45:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/?p=349"},"modified":"2025-08-29T12:14:25","modified_gmt":"2025-08-29T10:14:25","slug":"zwei-spielarten-zwei-mindsets-oder-vier-lebensweisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/?p=349","title":{"rendered":"Zwei Spielarten und zwei Mindsets oder vier Lebensweisen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Parallellekt\u00fcre<\/strong><br>James P. Carse: Finite and Infinite Games, Free Press, New York 2012.<br>Carol Dweck: Mindset, Ballantine Book, New York 2007; Selbstbild, Piper, M\u00fcnchen 2017.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/20250822_113445-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-356\" srcset=\"https:\/\/www.ausgelesen.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/20250822_113445-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.ausgelesen.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/20250822_113445-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.ausgelesen.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/20250822_113445-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.ausgelesen.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/20250822_113445-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.ausgelesen.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/20250822_113445-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Kubistisch und surreal: Die Lebensart gestaltet sich nicht selten als eine Quadratur der eigenen Wahrnehmung.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Grundidee dieser zwei B\u00fccher l\u00e4sst sich jeweils leicht einem Satz wiedergeben, wodurch aber unz\u00e4hlige Gedankeng\u00e4nge und Erfahrungswerte auf eine einfache Formel reduziert werden, die der Bedeutung beider Gegenpaare f\u00fcr das menschliche Dasein kaum gerecht werden kann, gerade hinsichtlich ihrer konkreten lebensweltlichen Auswirkungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also vereinfachen wir dennoch unverbl\u00fcmt und fassen zun\u00e4chst zusammen, dass es zwei grunds\u00e4tzlich unterschiedliche Arten von Spielen gibt, in welchen Menschen sich bet\u00e4tigen und folglich auch zwei Spielweisen in allen menschlichen Aktivit\u00e4ten erkennbar sind. Das eine Spielen strebt ein Ende an und das andere nicht. Das eine Spiel soll gewonnen werden, w\u00e4hrend das andere das Spielen potenziell unendlich fortf\u00fchrt. Daher gibt es finites und infinites Spielen: Beim ersten geht es ums Gewinnen, bei letzterem um das Spielen selbst. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mitte der 1980er-Jahre nimmt der Religionswissenschaftler James Carse allem Anschein nach die Idee von Sprachspielen (Wittgenstein) und das anthropologische Wesenspostulats des spielenden Menschen (Huizinga) in seine Gedankeng\u00e4nge auf. Er konstruierte daraus einen perspektivischen Dualismus des Spiels, der es ihm erlaubt, zwei menschliche Grundhaltungen herauszuarbeiten, die sich wiederum reduzierend mit Kontrolle und Anpassung vergleichen lassen, wobei er auch betont, dass Individuen je nach Spiel zu einer anderen Spielweise tendieren. Manche Spiele wollen wir kontrollieren, andere m\u00f6chten wir m\u00f6glichst lange aufrechterhalten, weshalb wir die Bedingungen f\u00fcr das Weiterspielen schaffen. Damit einher geht nat\u00fcrlich auch, dass ein Gegen\u00fcber im einen Fall besiegt und \u00fcberwunden werden soll und im anderen zum Mit- und Weiterspielen animiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Spielkonzept ist bei Carse so weit gefasst, dass es nicht nur Zeitvertreib und Vergn\u00fcgen meint, sondern jegliche, also auch ernsthafte Aspekte der menschlichen Kultur und Gesellschaft einbezieht, also eigentlich jede Form von Handlung nach Regeln; wobei selbst eine Regel, dass es keine Regeln gibt, als eine Regel verschiedene Spielarten erm\u00f6glicht. Die Absicht der hundertundeinen Paragrafen umfassenden Schrift ist jedoch keine Spieltheorie oder etwas in der Art, sondern Carse m\u00f6chte klarstellen, dass grunds\u00e4tzlich allen Menschen f\u00fcr jede Lebenssituation die Wahl offensteht, wie diese gespielt wird, sofern sie mitspielen k\u00f6nnen und nicht gespielt werden; entsprechend m\u00fcssen Personen frei und als Freie gew\u00fcrdigt sein, um spielen zu k\u00f6nnen. Diese gegenseitige Anerkennung als ebenb\u00fcrtige Mitspielende ist \u00fcbrigens auch die Voraussetzung f\u00fcr Kommunikation und Beziehungen zwischen Menschen, sofern sie denn nicht auf Dominanz oder Ausbeutung abzielt. An solchen Stellen in der Abhandlung sind soziokulturelle Nachbeben der 1960er- und 70er-Jahre zu sp\u00fcren, bevor dann das Finale des Traktats in eine (religions-) kritische Darstellung menschlicher Mythologie m\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vergleichsweise unsystematisch und entlang von anekdotischen Erfahrungsberichten \u00fcber verschiedene allt\u00e4gliche Themenfelder wie Bildung, Arbeit oder Paarbeziehungen hinweg zeigt Carol Dweck, dass man sich selbst auf zwei diametral unterschiedliche Weisen wahrnehmen kann, was sich dann folglich auch auf die Haltung zur Welt auswirkt und im Verhalten manifestiert. Anf\u00e4nglich jedoch handelt es sich nur um eine Beobachtung, dass es manchen Personen offenbar leichter f\u00e4llt, mit Ver\u00e4nderungen oder Herausforderungen ihrer Lebenswelt umzugehen als anderen und zwar aufgrund ihrer Einstellung zu sich selbst. W\u00e4hrend sich manche auf die Konstanten ihrer Pers\u00f6nlichkeit fokussieren und ein statisches Selbstbild an den Tag legen, blicken andere mit mehr Offenheit auf sich selbst und aufgrund ihrer dynamischen Eigenwahrnehmung orientieren sie sich nicht an ihren Talenten oder an ihren Erfolgen, sondern sehen \u00fcberall M\u00f6glichkeiten, sich selbst im aktiven Weltbezug neu kennenzulernen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So eindeutig lassen sich Individuen gewiss nicht unterscheiden und einteilen. Die meisten durchleben sowohl statische als auch dynamische Phasen ihrer Pers\u00f6nlichkeit, sind in mancherlei Hinsicht offen und flexibel im Umgang mit sich, k\u00f6nnen aber \u00fcber bestimmte Aspekte ihres Charakters oder ihres Lebenswandels zugleich sehr schematisch und rigide denken. So ist niemand f\u00fcr immer und in jederlei Hinsicht vor einer statischen Sichtweise oder Haltung gefeit, die \u00fcbrigens auch ihren Nutzen haben k\u00f6nnen, wenn es etwa darum geht, sich kurzfristig in einer Situation unter Kontrolle zu bringen oder zu behaupten, indem man sich auf seine St\u00e4rken beruft und sich auf diese verlassen kann. In solchen F\u00e4llen ist jedoch auch das Eintreten einer Entt\u00e4uschung recht wahrscheinlich, wenn die vermeintlich positiven Charakterz\u00fcge gerade unzureichend sind, was sich bei Wiederholung in ein permanentes Selbstwahrnehmungsmuster verwandeln kann. Ganze Generationen oder Kulturen sind durch den Umgang mit pers\u00f6nlichem Scheitern dauerhaft gepr\u00e4gt worden und haben \u00fcber implizite Tradierung die nachkommenden Individuen und Gesellschaften stark beeinflusst. Man stelle sich bloss die Frage, wie leicht es einem f\u00e4llt, einen Fehler oder das eigene Unwissen oder irgendein sonstiges Unverm\u00f6gen einzugestehen und dies auch anderen gegen\u00fcber zuzugeben. Schon wird augenf\u00e4llig, zu welchem Selbstbild man eher neigt und wie akzeptiert ein gelassener Umgang mit Unzul\u00e4nglichkeiten im eigenen sozialen Umfeld ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit einem blossen Umdenken ist es leider nicht getan, weder beim pers\u00f6nlichen &#8222;Mindset&#8220; noch beim Spiel, in welchem man sich bet\u00e4tigt. Nur \u00fcber die wiederholte, kontinuierliche Neuausrichtung des eigenen Blicks auf sich und die Welt gelingt es, ein letztlich heilsames Reaktionsmuster und davon ausgehend eine verl\u00e4sslich resiliente Haltung zu entwickeln. Was in der Theorie wom\u00f6glich reduktionistisch und nach banalisierender Kontrastierung klingt oder einfach sehr rasch erfasst werden kann, braucht in der praktischen Umsetzung nicht selten viele Jahre des \u00dcbens und idealerweise ein Umfeld, welches Menschen darin unterst\u00fctzt, auf spielerische Weise zu lernen und dabei als Pers\u00f6nlichkeiten zu reifen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus diesen beiden Gegensatzpaaren lassen sich vier Kombinationen bilden, die als unterschiedliche und wom\u00f6glich archetypische Lebensstrategien darstellbar sind. Eine statisch-endliche Spielweise will und muss (oft um jeden Preis) gewinnen, w\u00e4hrend statisch-unendlich Spielende am liebsten dauernd spielen m\u00f6chten, was sie gut k\u00f6nnen. Macht und Manie kommen da in den Sinn. Im Weiteren spielt dynamisch-endlich, wer gerne verliert oder zumindest gut verlieren kann, um sich dadurch zu verbessern. Und schliesslich gibt es Charaktere, die \u00f6fters dynamisch-unendlich agieren, also immerzu lernen und allein um des Spiels willen spielen wollen. Das erinnert irgendwie an Vernunft und Liebe. Angelehnt an Watzlawicks Kommunikationsaxiom kann erg\u00e4nzend angemerkt werden, dass Menschen nicht imstande sind, nicht zu spielen und sich nicht selbst wahrzunehmen, wenn jede erdenkliche T\u00e4tigkeit als endliches oder unendliches Spiel gilt und man davon ausgeht, dass auch ein bewusstes Ignorieren seiner selbst einem Selbstbild entspricht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Welche Kombination von Spielart und &#8222;Mindset&#8220; nun zur jeweiligen Situation oder Biografie passt, d\u00fcrfen wir letztlich nach eigenem Ermessen entscheiden. Es ist doch beruhigend, dass man auch diesbez\u00fcglich jederzeit die Wahl hat. Unz\u00e4hlige dieser Entscheide werden im R\u00fcckblick vermutlich nicht optimal sein, doch sie k\u00f6nnen sich in Zukunft als Routine einspielen, so dass das Leben ebenso wie das eigene Selbst immer interessanter wird, einem immer mehr Freude und Freunde bereitet. An dieser Folgerung ist nun leicht zu erkennen, welche der vier Optionen wohl auf Dauer eher zu einem guten und erf\u00fcllenden Leben f\u00fchrt. Oder sind diese vier Optionen doch nur eine redundante Spielerei mit Konzepten? Wom\u00f6glich inkorrekt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.simonandschuster.com\/books\/Finite-and-Infinite-Games\/James-Carse\/9781476731711\">&#8222;Finite and Infinite Games&#8220; bei Simon &amp; Schuster<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.randomhousebooks.com\/books\/44330\/\">&#8222;Mindset&#8220; bei Random House<\/a> \/ <a href=\"https:\/\/www.piper.de\/buecher\/selbstbild-isbn-978-3-492-31122-9\">&#8222;Selbstbild&#8220; bei Piper<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Parallellekt\u00fcreJames P. Carse: Finite and Infinite Games, Free Press, New York 2012.Carol Dweck: Mindset, Ballantine Book, New York 2007; Selbstbild, Piper, M\u00fcnchen 2017. 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